Brückenschlag in die Zukunft

Pharma-Engineering

Die indische Landesgesellschaft von Bayer Technology Services wächst und wächst. Dabei unterstützt sie nicht nur die übrigen Bayer-Gesellschaften in Indien, sondern auch externe Kunden. Derzeit zum Beispiel das Schweizer Unternehmen Ferring Pharmaceuticals.

Modernes Indien (Mumbai), moderne Umweltstandards. Für die neue Ferring-Anlage entwickelte Bayer Technology Services eine spezielle Abwasserlösung.

„Mit diesem Brief möchte ich Bayer Technology Services India meine Anerkennung für die großartige Unterstützung aussprechen.“ Geschäftsbriefe, die mit solch warmen Worten beginnen, bekommt man nicht jeden Tag. Und so freut sich Balaram Khot natürlich ganz besonders über derartige Post. 2013 hatte der Geschäftsführer von Bayer Technology Services India gleich zweimal Grund zu dieser Freude. Beide Male war der Absender Jouke Tuinhof. Und in beiden Schreiben zeigte sich der Director of Global Engineering von Ferring Pharmaceuticals hocherfreut über die jeweiligen Fortschritte bei einem Investitionsprojekt in Indien. „Meilensteine […], die nicht möglich gewesen wären ohne die Unterstützung und die Ausdauer der Mitglieder im Projektteam von Bayer Technology Services“, wie Tuinhof jeweils schrieb.

Das Projekt, auf das sich der Ferring-Manager bezog, ist der Bau einer Produktionsanlage für einen pharmazeutischen Wirkstoff. Ende 2010 hatte sich das schweizerische Unternehmen Ferring entschieden, der steigenden globalen Nachfrage mit dem Bau einer weiteren Anlage zu begegnen. Die Standort-Wahl fiel auf Indien – und dort aus guten Gründen auf Ambernath. Die Stadt liegt etwas nordöstlich von Mumbai, wo Ferring auch Forschungs- und Entwicklungslabore sowie Marketing-and-Sales-Büros besitzt. Allerdings mussten noch einige Fragen geklärt werden. So etwa, wie den tropischen Bedingungen und den Auflagen der indischen Behörden Rechnung zu tragen ist.

Um dies zu beantworten, suchte Ferring einen Engineering-Partner. Einen, der sich gut mit Produktionsanlagen für die chemische und pharmazeutische Industrie auskennt. Und einen, der auch mit den spezifischen Gegebenheiten in Asien und insbesondere in Indien vertraut ist. In diesem Zusammenhang erinnerte sich Jouke Tuinhof an Bayer Technology Services. Das Unternehmen kannte er von seiner Zeit in Singapur. Jetzt glaubte er, dass er die gewünschte Expertise genau dort finden würde. Dass die Bayer-Gesellschaft sogar eine eigene Niederlassung in Indien hat, deren Hauptbüro nicht mal eine Autostunde von Ambernath entfernt liegt, war geradezu perfekt. Tuinhof nahm Kontakt auf.

Balaram Khot freut sich über solche Anfragen. Sie stellen ihn zwar immer wieder vor die Herausforderung, auch die benötigten Ressourcen bereitzuhalten, aber das ist ja eigentlich ein Luxusproblem. Während viele Geschäftsführer in aller Welt ihre Organisation straffen und Personalkosten senken müssen, ist Balaram Khot ständig auf der Suche nach weiteren Ingenieuren, um seine Mannschaft aufzustocken. Es ist keine sieben Jahre her, als der indische Ableger von Bayer Technology Services mit einem Drei-Mann-Team an den Start ging. Inzwischen hat sich die Belegschaft mehr als verzehnfacht. Und bis Ende des Jahres könnte sie auf über 40 angewachsen sein.

Zu dieser Entwicklung hat auch das Investitionsprojekt von Ferring beigetragen. „Wir haben das Unternehmen überzeugen können, dass wir über die nötige Erfahrung verfügen“, erklärt Balaram Khot. Dazu hatte der Chef von Bayer Technology Services India dem künftigen Kunden ausführlich von den Engineering- Projekten berichtet, die seine Mitarbeiter zum Beispiel schon für Bayer MaterialScience und Bayer CropScience ausgeführt hatten. Und so wurde seine Mannschaft auch für Ferring zum Engineering-Partner der Wahl. Der Auftrag umfasste das gesamte Investitionsprojekt – vom Entwickeln eines geeigneten Konzepts bis zur Inbetriebnahme der fertigen Anlage. Ferring nominierte Bayer Technology Services zum Owner’s Engineer und übertrug damit von Anfang an etliche Befugnisse.

Ganz am Anfang stand die Frage der Machbarkeit. Bei der Kalkulation musste das Team von Bayer Technology Services nicht bei null anfangen. „Ferring produziert denselben Wirkstoff bereits an einem dänischen Standort, so dass wir etliche Informationen und Daten von dort einbeziehen konnten“, erklärt Pravin Solanki, der Project Manager auf Seiten von Bayer Technology Services.

Allerdings war es auch nicht damit getan, in Indien einfach eine Kopie der dänischen Anlage zu installieren. Schließlich ist seit deren Inbetriebnahme vor über 20 Jahren manches weiterentwickelt worden. „Und wegen des tropischen Klimas müssen wir hier zum Teil natürlich auch ganz andere Materialien einsetzen“, fügt Pravin Solanki hinzu.

So wird der neue Wirkstoffbetrieb von Ferring einmal aussehen, nur nicht ganz so bunt. Lange vor dem ersten Spatenstich entstand dieses 3D-Modell.
So wird der neue Wirkstoffbetrieb von Ferring einmal aussehen, nur nicht ganz so bunt. Lange vor dem ersten Spatenstich entstand dieses 3D-Modell.

Überhaupt die Materialien. Zum Selbstverständnis in der Rolle als Owner’s Engineer gehört es für Bayer Technology Services, nicht nur eine funktionstüchtige Anlage zu konzipieren. „Wir wollen auch, dass sie über einen möglichst langen Zeitraum verfügbar bleibt“, erklärt Solanki. Das hieß, dass im Ferring-Projekt sorgfältig bewertet werden musste, welchen Bedingungen die unterschiedlichen Prozess- und Versorgungssysteme standhalten müssen und welches Material die gewünschte Beständigkeit gewährleistet. „Im Einzelfall kann das bedeuten, dass wir beispielsweise glasfaserverstärktem Material den Vorzug vor Polyethylen hoher Dichte geben“, so Solanki. Das sei zwar zunächst manchmal kostspieliger, rechne sich aber im Lauf der erwarteten Betriebsdauer. „Alle derartigen Maßnahmen haben wir mit Ferring diskutiert und einzeln genehmigen lassen“, erklärt Solanki das generelle Vorgehen.

Besondere Relevanz im Vorfeld der Bauphase bekam auch die Frage der Abwasseraufbereitung. Denn sowohl bei der zweistufigen Wirkstoffsynthese als auch bei der anschließenden Reinigung des fertigen Wirkstoffs fallen Abwässer an. Neben einer organischen Substanz sind es vor allem gelöste Salze, die darin abgetrennt werden müssen, um die Auflagen der indischen Behörden hinsichtlich der Grenzwerte bei der Freisetzung zu erfüllen.

„Das wäre nicht möglichgewesen ohne die großartige Unterstützungvon Bayer Technology Services“

Jouke Tuinhof

Director of Global Engineering, Ferring Pharmaceuticals

In Sachen Wasseraufbereitung konnte sich Solankis Team kein Vorbild an der dänischen Anlage nehmen. Das dortige Ferring-Werk ist Teil eines großen Chemieparks, der über eine eigene leistungsstarke Abwasserbehandlung verfügt. Ferring kann seine Abwässer dort zusammen mit denen der anderen Chemieparkpartner einspeisen. Anders in Ambernath. Pravin Solanki und sein Team mussten für Ambernath deshalb eine Stand-alone-Lösung entwickeln.

Dabei zahlte sich die Anbindung an die globale Organisation von Bayer Technology Services aus. Am Hauptsitz in Leverkusen gibt es eine eigene Abteilung Filtration & Membrane Technology (FMT) – mit reichlich Erfahrung und Know-how in Sachen Wasseraufbereitung. Ferring schickte Abwasserproben aus seiner dänischen Produktion nach Leverkusen. In ihren dortigen Labors entwickelten die FMT-Kollegen dann ein insgesamt dreistufiges Reinigungsschema. Eine biologische Reinigung zur Beseitigung der organischen Substanz gehört ebenso dazu wie eine Verdampfungsanlage, um die Salze auszufällen – und getrennt entsorgen zu können. Um den Energieaufwand für das Verdampfen zu minimieren, schalteten die Leverkusener noch eine Umkehrosmose vor. Damit werden die Salze schon im Vorfeld aufkonzentriert.

„Mit dieser Lösung waren die Behörden sehr zufrieden“, erinnert sich Solanki. Und auch der Kunde war glücklich, denn ohne einen geeigneten Weg der Wasseraufbereitung wäre das Investitionsvorhaben nicht vorangeschritten. Nun aber durfte die eigentliche Bauphase starten.

Inzwischen schreiten die Arbeiten rasch voran. Und wenn weiterhin alles planmäßig läuft, wird das Team die komplette Anlage noch in diesem Jahr fertiggestellt haben. 1300 Tonnen Bewehrungsstahl, 300 Tonnen Baustahl, fast zehn Kilometer Rohre und Leitungen, 65 Kilometer Kabel, über 1500 Ventile und einiges mehr werden dann verbaut worden sein. Nach der noch ausstehenden Genehmigung durch die indische Zulassungsbehörde ist der Start der kommerziellen Produktion für 2016 geplant. Und wer weiß: Vielleicht bekommt Balaram Khot bis dahin ja auch wieder nette Post von Jouke Tuinhof.

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