Der Katalysator

Portrait

Leslaw Mleczko ist der Katalyse-Experte bei Bayer. Als Key Expert sondiert er weltweite neue Entwicklungen an Hochschulen, die für den Konzern interessant sind. Und er hält Ausschau nach potenziellen Mitarbeitern. Im Grunde agiert er dabei wie ein Katalysator: Er stößt Prozesse an, begleitet sie eine Weile und geht dann unverbraucht wieder seiner Wege

Professor Leslaw Mleczko hört gerne zu. Dann schaut der Key Expert Chemical and Polymer Processes seinem Gegenüber aufmerksam in die Augen. Ab und zu nickt er bestätigend mit dem Kopf. Wenn er dann schließlich etwas sagt, nimmt er fast immer den Faden seines Gesprächspartners auf. Freundlich, gelassen, konzentriert. „Das gehört dazu, wenn man für Bayer die fähigsten Mitarbeiter für die Verfahrenstechnik finden will“, erklärt er. Genauso wie das Lachen, fährt er fort. Das Lachen? Doch, doch, bekräftigt er. Schließlich sei ein wesentliches Element der Beurteilung, ob man über ähnliche Sachen lachen könne. All das trage zum vollständigen Bild eines potenziellen Mitarbeiters bei.

„Professor Leslaw Mleczko gehört zu den renommiertesten Katalyse-Experten weltweit“

Prof. Andrzej Gorak

Prorektor Forschung der TU Dortmund

Ganz besonders wichtig seien ihm aber Neugier und langfristiges Denken. „Nicht im Sinne der Karriereplanung, mehr mit Blick auf persönliche Schwerpunkte in der Zukunft.“ Der eine wolle halt ins Ausland („am liebsten Australien“), der andere lieber in Bochum bleiben („bei Familie und Freunden“). Ein Richtig oder Falsch gebe es nicht. Denn beide könnten wichtige Beiträge zum Erfolg leisten. Für Mleczko sind es vor allem solche unterschiedlichen Temperamente und Profile, die Arbeitsgruppen brauchen, um Grenzen zu überschreiten und um kreativ zu sein.

Auf der ganzen Welt sucht Mleczko nach geeigneten Katalyse-Spezialisten für Bayer. Dazu nutzt er seine zahlreichen internationalen Kontakte zu Professoren. „Schließlich kennen die ihre Studenten und schicken mir ihre besten.“ Was er dabei bescheiden verschweigt: Die Professoren kennen vor allem auch ihn – und seine Ansprüche. Denn die sind hoch: „Ich suche wirklich kreative Menschen.“ Der gebürtige Pole ist bestens mit dem akademischen Umfeld vertraut. Seit 2002 lehrt er an der Ruhr-Universität in Bochum, und seit 2008 ist er Gastprofessor an der East China University of Science and Technology in Schanghai. Sein eigenes Leben betrachtet Mleczko „mehr oder weniger als Kette von Zufällen“. Nach seiner Promotion über ein Thema aus der Verfahrenstechnik bekam er eine Einladung, nach Deutschland zu gehen. Er arbeitet als Postdoc an der Universität Hannover, als ihm ein Angebot aus Toronto auf den Tisch kommt. Er lehnt ab, geht stattdessen nach Bochum an die Ruhr-Universität. Weil ihn die Leitung der „Catalytic Reaction Engineering Group“ reizt. 1996 habilitiert er als Reaktionstechniker. Und ein Jahr später kommt er zu Bayer. „Eigentlich wollte ich ja nur ein Jahr bleiben“, sagt er. Und fügt lachend hinzu: „Jetzt bin ich immer noch da.“ Das ist allerdings kein Zufall. Es sind die vielfältigen Aufgaben im Unternehmen, die ihn faszinieren. „Hier sind viele neue Verfahren entwickelt und in die Praxis umgesetzt worden. Das kennt man an der Universität nicht.“ Als´besonders positiv empfindet er, dass er durch seine Arbeit in der Forschung Kontakt zu Universitäten und Studenten hält, von denen er viele ins Unternehmen lockt. Er weiß: „Junge Menschen bringen neue Ideen mit. Das weckt die eigene Kreativität.“

Sein Ansehen ist darum auch nicht nur auf den Konzern beschränkt. „Professor Mleczko gehört zu den renommiertesten Katalyse-Experten weltweit“, sagt Prof. Andrzej Górak, Prorektor Forschung der TU Dortmund, mit der Bayer Technology Services eng zusammenarbeitet. Dass Mleczkos Wissen in der chemischen Industrie so sehr gefragt ist, hat einen einfachen Grund: Die Katalyse ist hier eine Schlüsseltechnologie. Heute läuft der überwiegende Teil der rund 25000 Prozesse für Grundchemikalien ausschließlich mit Hilfe von Katalysatoren. Und die Fachwelt ist überzeugt: Sie können noch weit mehr als bisher bekannt. Das gilt etwa für den Traum, das schädliche Treibhausgas Kohlendioxid in einen kostengünstigen chemischen Rohstoff umzuwandeln.

Schüsseltechnologie

Rund 90 Prozent aller chemischen Rohstoffe werden durch Katalyse gewonnen. Ohne sie gäbe es weder Treibstoffe noch Kunststoffe, keine Arznei- oder Pflanzenschutzmittel und auch keine Hilfsstoffe für die Elektro- und Halbleiterindustrie. Zahllose chemische Reaktionen werden von Katalysatoren unterstützt. Manche sogar erst ermöglicht. Die geschickte Auswahl eines Katalysators beeinflusst das Reaktionsergebnis erheblich. Deshalb versuchen Chemiker, die Vermittler so zu trimmen, dass diese zuverlässig nur das Wunschprodukt erzeugen.

Dazu bedarf es allerdings ganz neuer Katalysatoren. Um die zu entwickeln, müsse man verstehen, wie sie funktionieren, unterstreicht Mleczko. „Daher fahren wir seit einigen Jahren einen erfolgversprechenden Ansatz: weg von den High-Throughput-Screeningverfahren hin zu mathematischen Modellen als Basis.“ Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Zum Einsatz kommen alle analytischen, mathematischen Methoden, die uns eine rationale Katalysator-Entwicklung erlauben.“ Mit diesem Werkzeugkasten sei man für die Herausforderungen der Zukunft gut aufgestellt – zum Beispiel im Bereich Rohstoff- und Klimawandel.

Erste Erfolge gibt es bereits: Seit 2011 entsteht in einer Pilotanlage in Leverkusen Polyol, in das CO2 eingebaut wird. Projektpartner sind der Energieversorger RWE Power, die RWTH Aachen und das CAT Catalytic Center. Über 200 Katalysatoren haben die Bayer-Experten getestet, bis sie einen geeigneten fanden. Ende 2015 soll die industrielle Produktion von Polyurethanrohstoffen mit dem außergewöhnlichen Rohstoff beginnen.

Ein zweites Beispiel, das ebenfalls den Klimaschädling nutzen will, geht noch einen Schritt weiter. Die 2010 gegründete Initiative CO2RRECT verfolgt den Ansatz, Stromüberschuss aus alternativen Energiequellen zu speichern. Mit Hilfe dieses Stroms wird aus Wasser Wasserstoff gewonnen. Wenn der wiederum mit CO2 zusammengebracht wird, entstehen mit Hilfe eines Katalysators Rohstoffe für Polymere: Kohlenmonoxid oder Ameisensäure. Zu dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt steuern RWE, Siemens und eine Reihe namhafter Institutionen Wissen und Erfahrung bei. Die Federführung Federführung liegt bei Bayer Technology Services und der Gruppe um Leslaw Mleczko. Sie entwickelte Katalysatoren, die die Reaktion von Wasserstoff und Kohlendioxid beschleunigen sollen. „Das Forschungsprojekt läuft prima“, sagt Mleczko. Aber er dämpft auch gleich die Hoffnung auf schnellen Erfolg: „Bis zur technischen Realisierung werden noch Jahre ins Land gehen. Ab 2020 kann man damit rechnen.“

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