Ein Mann für besondere Fälle

Engineering

Dirk Königsbrügge liebt knifflige Projekte. Derzeit ist der Maschinenbau-Ingenieur in der Schweiz im Einsatz. Die Aufgabe: einen Prozess auf ein anderes Syntheseverfahren umstellen und gleichzeitig noch die Kapazität erweitern – und das alles bei laufender Produktion

Dirk Königsbrügge war beruflich gerade mal wieder in Indien, als ihn eine Anfrage aus Europa erreichte: „Sagen Sie mal, können Sie die Projektleitung in der Schweiz übernehmen?“ Der Maschinenbau- Ingenieur ist inzwischen seit einem Vierteljahrhundert in den Diensten von Bayer Technology Services. In dieser Zeit hat er viele solcher Anrufe bekommen. Manchmal passte die Anfrage gerade gut, und er konnte sofort aufbrechen. So wie Weihnachten 1996. Seine Projekte am Bayer-Standort Brunsbüttel waren gerade abgeschlossen. Und so konnte er sofort zusagen und kurzfristig ein Flugzeug nach Jakarta besteigen. Da ahnte er noch nicht, dass er drei Jahre in Indonesien bleiben würde. 

Bei der Anfrage aus der Schweiz musste Königsbrügge den Anrufer aber etwas vertrösten. Noch war sein Consulting-Projekt bei Bayer CropScience im indischen Vapi schließlich nicht beendet. Dennoch sagte er zu.

Im Juli 2012 traf er dann in Muttenz ein. In dem Werk, etwas südöstlich von Basel, produziert Bayer CropScience drei Wirkstoffe für wichtige Pflanzenschutzprodukte. Einer davon: Trifloxystrobin. Die Substanz verhilft Bayer-Fungiziden wie Flint, Nativo oder Stratego zu ihrer hohen Schlagkraft gegen viele Pilzkrankheiten. Wegen der global steigenden Nachfrage will Bayer CropScience die Kapazität verdoppeln. Und nicht nur das: Gleichzeitig soll die erste der insgesamt sieben Synthesestufen auf einen anderen Prozess umgestellt werden, der mit günstigeren Ausgangsstoffen auskommt. Gemeinsam hatten Bayer CropScience und Bayer Technology Services diese Maßnahme in einem vorangegangenen Projekt erarbeitet (siehe „technology solutions“ 1/2012, S. 36). Darin war außerdem noch eine besondere Behandlung der Abfallströme entwickelt worden. Untersuchungen hatten nämlich gezeigt, dass der Abfall chemische Verwandte des Trifloxystrobins enthält, die sich leicht in den Wirkstoff selbst überführen lassen. Allein dieser Schritt wird die Produktionskapazität um sieben Prozent steigern.

„Dank der Unterstützung können wirbis zu 26 Millionen Euro im Jahr einsparen“

Dr. Wolfgang Bäcker

Standortleiter Muttenz, Bayer CropScience

Für all dies sollte Königsbrügge nun also die technischen Umsetzungen im Großmaßstab leiten. Von dieser Hilfe und vom erwarteten Effekt ist auch der Standortleiter von Bayer CropScience Dr. Wolfgang Bäcker begeistert: „Dank der Unterstützung können wir bis zu 26 Millionen Euro im Jahr einsparen.“ 

Auf den ersten Blick erschien die Kapazitätserweiterung wie ein Routineprojekt. Ein paar neue Rührkessel, Wärmetauscher an den richtigen Stellen, Rohre, Pumpen – das Übliche. Doch bei genauerem Hinsehen wurde klar, dass es das Projekt in sich hatte. „Die neue, größere Anlage soll ja nicht einfach neben die alte gesetzt werden“, erklärt Königsbrügge. „Eine wichtige Anforderung besteht darin, möglichst viele Komponenten der alten Anlage auch in den neuen Prozess zu integrieren.“ 

Auch das wäre eigentlich nichts Besonderes. Zumindest dann nicht, wenn man die alte Anlage einfach abschalten und dann in Ruhe mit dem Umbau beginnen kann. „Diese Möglichkeit haben wir aber nicht“, so Königsbrügge. Muttenz ist nämlich der einzige Standort weltweit, an dem Bayer CropScience Trifloxystrobin herstellt. Die Produktion darf deshalb in keiner Phase für längere Zeit unterbrochen werden. Wenn man so will, dann hat das Team um Königsbrügge so etwas wie einen Waggontausch bei voller Fahrt vor sich. Die erste Phase war noch vergleichsweise harmlos. Da ging es um den Bau eines neuen Gebäudes. Dort sollten die Apparate für die neue Synthesestufe sowie für zwei weitere Reaktionsschritte ihren Platz finden. Zwar gab es auch hierfür einen straffen Zeitplan, doch zumindest kollidierte dieser Projektabschnitt nicht mit der laufenden Produktion im Nachbargebäude. Die zweite Projektphase ist da schon heikler. Dabei sollen im bestehenden Produktionsgebäude die Apparate für den Ausbau der Synthesestufen zwei bis fünf installiert werden. „Im August 2014 wollen wir komplett auf die neue Anlage umschalten, und das natürlich möglichst reibungslos“, sagt Königsbrügge. Im besten Fall genügt es dann, einfach ein paar Hähne und Ventile umzulegen – und die Stoffströme in die neuen Anlagenteile zu lenken. Aber genau das muss dann auch sofort klappen. Für den 58-jährigen Königsbrügge ist dann auch die „starke Verzahnung“ der einzelnen Projektschritte eine der besonderen Herausforderungen.

„Verzahnung“ passt auch gut zu dem Bild, mit dem Königsbrügge die Arbeit mit den Schweizer Kollegen von Bayer CropScience beschreibt: Diese laufe nämlich von Anfang an „wie ein Uhrwerk“. Ein Schweizer Uhrwerk natürlich. Und obwohl Königsbrügge während seiner 25 Jahre viele erfolgreiche Projekte miterlebt hat, so können ihn diese Perfektion und Akkuratesse noch immer in Entzücken versetzen.

Hat in seinem Berufsleben schon vor zahlreichen Anlagen gestanden: Dirk Königsbrügge
Hat in seinem Berufsleben schon vor zahlreichen Anlagen gestanden: Dirk Königsbrügge

Noch etwas anderes gefällt Königsbrügge gut an dem Schweizer Projekt. Dass er am Freitagabend in Basel den Zug nach Köln besteigen und das Wochenende mit seiner Frau verbringen kann. Das war nicht immer so einfach. Während seiner Aufenthalte in Indien und Indonesien etwa beschränkte sich das Familienleben auf Telefonate und vierteljährliche Besuche. Das Heranwachsen seiner drei Kinder hat er oft nur aus der Ferne miterlebt. Jungen Kollegen empfiehlt er deshalb: „Versucht bei längeren Aufenthalten im Ausland immer, das gemeinsam mit der ganzen Familie zu organisieren.“ Im Rückblick würde er da auch stärker drauf achten. Manchmal hat das geklappt, aber bei seinen drei Jahren in Indonesien eben auch nicht. Das lag daran, dass sich die tatsächliche Aufenthaltsdauer erst im Lauf der Zeit ergab.

Unter dem Strich ist Königsbrügge aber mit seinem beruflichen Wanderleben sehr glücklich. Wie sonst hätte er seinem Sohn Jan empfehlen können, sich auch auf Anlagenbau zu spezialisieren? Ingenieure, die in diese Richtung gehen, müssen schließlich damit rechnen, alle paar Jahre an einem anderen Ort eingesetzt zu werden. Aber wenn man das mit dem Privatleben in Einklang bekommt, gibt es für Königsbrügge nichts Schöneres: „Das ist schließlich nicht nur extrem abwechslungsreich, sondern auch sehr befriedigend.“ Am Ende stehe immer eine fertige Anlage, die einen konkreten Nutzen stiftet. Wie jetzt in Muttenz. Immerhin werden dort Substanzen produziert, die in aller Welt helfen, Ernten zu sichern und Hunger zu bekämpfen. „Daran mitgewirkt zu haben – das ist doch ein tolles Gefühl“, meint Königsbrügge.

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