Gemeinsam innovativer

Innovationsmanagement

Die Menschheit nachhaltig mit Medizin, Lebensmitteln und Energie zu versorgen, ist eine große Herausforderung. Um ihr zu begegnen, setzen Industrie und Politik zunehmend auf „Open Innovation“. Bayer Technology Services koordiniert hierzu bei Bayer die Funding-Aktivitäten.

Wir haben geöffnet. Auch Forschungsabteilungen sind heute offener – und teilen ihr Wissen

Aus Kohlendioxid hochwertige Kunststoffe machen? Mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, wem das gelingt. Denn zum einen nutzt er einen Rohstoff, der ansonsten als klimaschädliches Treibhausgas in der Atmosphäre landen würde. Zum anderen spart er gerade dadurch beim traditionellen Rohstoff für Kunststoffe ein: Erdöl. Und das ist eine begrenzte Ressource.

Was visionär klingt, ist dann auch eine Aufgabe, die letztlich kein Akteur allein bewältigen kann. Und so wundert es nicht, dass wichtige Erfolge auf dem Weg, CO2 zu einem Rohstoff zu machen, in Kooperationen gelangen. Dazu zählt auch die von Bayer MaterialScience, Bayer Technology Services, RWTH Aachen, CAT Catalytic Center Aachen (einer gemeinsamen Einrichtung von RWTH und Bayer) sowie RWE. Alle Partner haben dabei jeweils eine für das Gelingen relevante Expertise eingebracht. Mitarbeiter vom CAT und von Bayer Technology Services etwa entwickelten einen wichtigen Katalysator weiter. Erst mit seiner Hilfe verläuft die gewünschte CO2-Nutzung für die Polyolherstellung ohne nennenswerte Nebenprodukte und mit positiver Energiebilanz. Von Bayer MaterialScience stammt das Wissen rund um die Synthese der Polyole und deren Verarbeitung zu Polyurethanen. Und RWE sorgte dafür, Abgase von Kohlekraftwerken so aufzubereiten, dass der gewünschte Rohstoff in ausreichenden Mengen und Qualitäten für eine Produktion im industriellen Maßstab zur Verfügung steht.

„Externe Forschungskooperationen sind fester Bestandteil unserer Innovationsstrategie“

Kemal Malik

Innovationsvorstand, Bayer AG

Einen wichtigen Beitrag zum Gelingen leistete auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Inzwischen unterstützt das deutsche Ministerium eine ganze Reihe von aufeinander aufbauenden Verbundforschungsprojekten zur CO2-Nutzung mit Fördermitteln.

Im Vergleich zum finanziellen Gesamtaufwand der Industriepartner ist diese öffentliche Unterstützung zwar in der Regel klein. Dennoch sei diese Beteiligung von außen wichtig, betont Thomas Görgen. „Es gibt viele Forschungsthemen, die aus Unternehmenssicht riskant sind, zum Beispiel, weil die Erfolgsaussichten noch sehr ungewiss sind“, so der Chemiker. „Oft muss das Risiko auf viele Schultern verteilt werden, damit visionäre Vorhaben gemeinsam mit Partnern überhaupt gewagt werden. Die öffentliche Hand bildet einen Schirm für solche Unterfangen und fördert Bildung und Zusammenhalt solcher Forschungsverbünde.“

Görgen leitet bei Bayer Technology Services die Gruppe Public Funding. Sie fungiert als eine Art Schnittstelle zwischen den Forschungsbereichen im Konzern und den externen politischen Gremien, die Forschungsvorhaben fördern. „Zum einen helfen wir der Politik, ihren Förderungsfokus auf solche Themen zu richten, die von der Industrie auch tatsächlich bearbeitet werden können“, so Görgen. „Auf der anderen Seite sind wir für unsere eigenen Forscher ein wichtiger Ansprechpartner. Etwa, wenn es um die Frage geht, ob und wo die Bayer-Forschung Schnittmengen mit Themen hat, die von außen gefördert werden. Letztendlich also, wo Anträge für eine Förderung sinnvoll sind.“

Derzeit gibt es allein bei Bayer in Deutschland mehr als 100 Forschungsprojekte, die von öffentlichen Förderern unterstützt werden. 2013 betrug der gesamte Zuschuss daraus rund acht Millionen Euro. Noch im Jahr 2003 lag diese Zahl bei zwei Millionen Euro. So wichtig solche Public-private-Partnerships für einzelne Themen seien, so sehr betont Görgen jedoch auch, dass das Unternehmen den allergrößten Teil seiner Forschungs- und Entwicklungsarbeiten aus eigener Tasche bezahle. Immerhin wendet der Konzern jährlich rund drei Milliarden Euro dafür auf. Im laufenden Jahr sind 3,5 Milliarden geplant.

Ein neuartiges Förderkonzept ist in der Innovative Medicines Initiative (IMI) verwirklicht. In IMI haben sich die Europäische Kommission und der Dachverband der europäischen pharmazeutischen Industrie EFPIA zusammengetan, um die Entwicklung neuer Medikamente zu fördern. Beide Seiten beteiligen sich dabei mit je einer Milliarde Euro. Der öffentliche Zuschuss von 50 Prozent fließt dabei exklusiv an akademische Kooperationspartner.

Um CO2 für Synthesen zu nutzen, benötigt man Partner. Einen, der geeignete Katalysatoren entwickelt (u.), und einen, der CO2 aus Abgasen (o.) gewinnt.
Um CO<sub>2</sub> für Synthesen zu nutzen, benötigt man Partner. Einen, der geeignete Katalysatoren entwickelt (u.), und einen, der CO<sub>2</sub> aus Abgasen (o.) gewinnt.

Der IMI-Ansatz bringt es mit sich, dass Bayer HealthCare dort gemeinsam mit Firmen wie Novartis, Roche, AstraZeneca oder Pfizer forscht. Allesamt Wettbewerber. Aber es geht auch nicht um konkrete Produktentwicklung; die findet nach wie vor in den Unternehmen selbst statt. „IMI behandelt eher allgemeinere Fragen, mit denen alle Akteure zu tun haben und bei denen sich ein gemeinsames Vorgehen lohnt“, erklärt Görgen.

Ein Beispiel ist die toxikologische Bewertung von möglichen pharmazeutischen Wirkstoffen. Alle Hersteller, die eine neue Substanz auf den Markt bringen wollen, müssen deren Verträglichkeit und Unbedenklichkeit nachweisen. Im Rahmen des IMI-Projekts eTOX untersuchen die Experten mehrerer Pharma- Unternehmen gemeinsam, ob geeignete Computermodelle den experimentellen Aufwand reduzieren könnten. „Wenn dies gelingt, profitieren Hersteller und Patienten gleichermaßen, weil innovative Medikamente möglicherweise schneller entwickelt werden können“, so Görgen. Das steht auch im Einklang mit dem generellen Bayer-Selbstverständnis „Science For A Better Life“. Demnach sollen Forschung und daraus resultierende Produkte immer auch das Leben der Menschen verbessern.

Über 50 IMI-Projekte wurden bereits gestartet. In 24 davon arbeiten Forscher von Bayer HealthCare direkt mit, bei fünf sogar als Projektkoordinator. Mit einem Gesamtvolumen von rund 540 Millionen Euro machen die 24 Projekte mehr als ein Viertel des gesamten IMI-Budgets aus. Zu den von Bayer HealthCare geleiteten Projekten zählt auch OncoTrack. Dabei geht es um die Suche nach geeigneten Biomarkern für eine auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Tumortherapie (siehe auch "Jeder ist anders").

Ein weiteres Projekt unter Bayer-Leitung heißt EU Lead Factory. Dabei soll eine gemeinsame europäische Substanzbibliothek aufgebaut werden. Mehrere Pharma-Unternehmen stellen dazu einen Teil ihrer eigenen Substanzbibliotheken für alle zur Verfügung. Und damit Know-how, an dem dann auch unmittelbare Wettbewerber partizipieren können. Noch vor einigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Eine derartige Öffnung markiert einen echten Paradigmenwechsel in der Herangehensweise bei Forschung und Entwicklung.

Für das Niederreißen von Wänden, mit denen sich die F&E-Abteilungen von Unternehmen früher voneinander abschotteten, prägte Prof. Dr. Henry Chesbrough den Begriff „Open Innovation“. 2003 veröffentlichte er sein Buch „Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology“. Ein Standardwerk, mit dem der Wirtschaftswissenschaftler dem Konzept auch einen philosophischen Unterbau gab. Wer erfolgreich innovativ sein will, müsse sich nach außen öffnen, so Chesbrough. Das Wissen sei schließlich verteilt. Das Open-Innovation-Prinzip ist dabei keinesfalls auf die pharmazeutische und chemische Industrie beschränkt, sondern gilt vielmehr für praktisch alle Branchen.

Open Innovation heißt auch, dass Firmen ihre Substanzbibliotheken zum Teil für Dritte öffnen
Open Innovation heißt auch, dass Firmen ihre Substanzbibliotheken zum Teil für Dritte öffnen

Offenes Bündnis für Nachhaltigkeit

Rohstoffe und Energie möglichst aus erneuerbaren Quellen gewinnen und so effizient wie möglich nutzen. Abfälle verwerten. Stoffkreisläufe schließen. Mit all diesen Maßnahmen möchte die Initiative „Sustainable Process Industry through Resource and Energy Efficiency“ (SPIRE) zu nachhaltigen Industrieprozessen in Europa beitragen. In dieser öffentlich-privaten Partnerschaft haben sich rund 40 Unternehmen (darunter Bayer) aus acht Branchen, zwölf Verbände sowie rund 45 akademische Einrichtungen aus ganz Europa zusammengetan (siehe auch "Nachhaltigkeitsbündnis"). SPIRE-Präsident ist Dr. Klaus Sommer, der bei Bayer Technology Services die Division Customer & Product Management leitet und zugleich auch Vorsitzender von SusChem ist, der europäischen Technologieplattform für nachhaltige Chemie.

Das Bündnis hat sich bis 2030 eine Reihe von Zielen gesetzt – und damit die Europäische Kommission überzeugt. SPIRE ist integrierter Bestandteil des EU-Forschungsrahmenprogramms Horizon 2020 und wird ein Gesamtvolumen von rund zwei Milliarden Euro umfassen.

Forschungskooperationen hat es früher natürlich auch gegeben. Aber inzwischen organisieren Unternehmen ganz systematisch ihren Wissenstransfer über Firmengrenzen. „Gemeinsames Ziel aller Partner muss es sein, den Kuchen möglichst groß zu machen“, sagt Görgen. „Dann fällt auch die gerechte Verteilung leichter.“ Das Ganze sei eben oft mehr als die Summe der Einzelteile. Es ist ein Geben und Nehmen, von dem unter dem Strich der Fortschritt profitieren soll. Und damit letztlich auch die Allgemeinheit. Denn sie ist der Nutznießer technischer Neuerungen, besserer Medizin und nachhaltigerer Produkte.

In der Forschungspraxis gibt es dabei inzwischen ganz unterschiedliche Open-Innovation-Ansätze. Die CO2-Projekte und das IMI-Programm sind Beispiele für öffentlich geförderte firmenübergreifende Kooperationen. Für einen wissenschaftsbasierten Konzern wie Bayer ist darüber hinaus die direkte Vernetzung mit der akademischen Forschung wichtig. „Wir unterhalten enge Beziehungen zu zahlreichen Universitäten, etwa in Deutschland, den USA oder China“, erklärt Thomas Görgen. Auch beim Knüpfen derartiger Netzwerke unterstützt Bayer Technology Services die entsprechenden Funktionen in den Teilkonzernen.

Eine besonders intensive Beziehung unterhält Bayer Technology Services zur Technischen Universität Dortmund. 2011 gründeten die Partner das gemeinsame Forschungszentrum INVITE. In ihm wird seither an Produktionsprozessen der Zukunft gearbeitet (siehe auch „technology solutions 1/2012“, S.24). Auch diese Forschung erfolgt zum Teil öffentlich gefördert und gemeinsam mit klassischen Wettbewerbern wie BASF oder Evonik.

Ein weiterer Hochschulpartner von Bayer ist die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen. RWTH-Wissenschaftler und Forscher von Bayer tüfteln dabei nicht nur im bereits erwähnten CAT Catalytic Center gemeinsam. Auch im 2013 von RWTH und Bayer Technology Services gegründeten Joint Research Center on Computational Biomedicine arbeiten sie Seite an Seite. Gemeinsam entwickeln sie zum Beispiel Computermodelle, mit denen sich biologische Vorgänge simulieren lassen. Ziel ist es, damit Medikamente und Therapien noch effizienter zu entwickeln.

Ähnliche Kooperationen zu speziellen Forschungsthemen gibt es unter anderem auch mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, mit der Universität Peking oder auch mit dem Broad Institute in Boston. „Forschungskooperationen mit externen Partnern aus Wissenschaft und Industrie sind fester Bestandteil unserer Innovationsstrategie“, formuliert Bayer-Forschungsvorstand Kemal Malik die Bedeutung all dieser Partnerschaften.

„Natürlich wird kein Unternehmen all sein geistiges Eigentum einfach so zur Verfügung stellen“, räumt Thomas Görgen von Bayer Technology Services ein. „Aber mit dem Wissen, das wir unseren Partnern bereitstellen, und deren jeweiligem Beitrag lässt sich gemeinsam schon einiges erreichen.“ Für manche Aufgaben brauche man schließlich eine gewisse kritische Masse, also genügend Mitstreiter, weil man es allein nicht stemmen könnte. Das gilt für viele IMI-Projekte. Oder man benötigt die sektorübergreifende Expertise, über die keiner allein verfügt. So wie im Fall der CO2-Nutzung als Rohstoff. für praktisch alle Branchen.

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