Jahrhundertprojekt in der Prärie

In Saskatchewan kann es ganz schön einsam sein. Trotzdem leben und arbeiten jetzt einige Mitarbeiter von Bayer Technology Services in dieser kanadischen Provinz. K+S will dort Kalisalze fördern – und beauftragte Bayer Technology Services mit der Projektbegleitung.

Prärielandschaft und Weizenfelder zeichnen den Süden Saskatchewans aus. Hinzu kommen Unnebenheiten, kleine Seen – und natürlich eisige, lange Winter. Dennoch ist dort im Rahmen des K+S-Projekts „Legacy“ innerhalb weniger Monate bereits einiges entstanden. Zum Beispiel die ersten Bohrungen, über die später heißes Wasser in die Erde hinein und hochkonzentrierte Salzlösung aus ihr heraus gepumpt wird.

Zwei Stunden im Auto zu sitzen ist für Jiang Liu nichts Ungewöhnliches. Wenn es der Verkehr in Shanghai schlecht meinte, dauerte seine tägliche Fahrt zum Bayer-Werk im Shanghai Chemical Industry Park schon mal so lange. Auch jetzt, an seinem neuen Arbeitsplatz in Kanada, muss der Chemieingenieur zwei Stunden fahren, um zur K+S-Baustelle im Süden der Provinz Saskatchewan zu gelangen. Und doch ist dabei einiges anders als in der chinesischen Metropole.

Zum Beispiel legt Liu jetzt in der gleichen Zeit rund 200 Kilometer zurück. Und anders als in Shanghai lässt er die letzten Häuser seines Wohnorts Saskatoon bereits nach zehn Minuten hinter sich. Von da an säumen nur noch unendlich erscheinende Weizen- und Rapsfelder den Highway 11. Die Route Richtung Provinzhauptstadt Regina verläuft dabei phasenweise so schnurgerade, dass er das Lenkrad kaum bewegen muss. Das größte Unfallrisiko ist deshalb nicht der restliche Verkehr, sondern am Steuer einzuschlafen. Und wenn die Reise wirklich mal ins Stocken kommt, dann liegt das nicht an einem Stau, sondern eher an einem winterlichen Blizzard oder schleichenden Landmaschinen im Sommer.

Liu kann sich noch gut an seine erste Fahrt zu seiner neuen Einsatzstätte erinnern. Das ist etwas über ein Jahr her. Überall nur Ackerland. Wo sollte da eine Baustelle sein, fragte er sich. Noch dazu eine, in die der Auftraggeber, das Unternehmen K+S Potash Canada, bis 2016 rund 4,1 Milliarden Kanadische Dollar investieren will. Mehr Geld also, als die Bayer-Anlagen, darunter immerhin einige World-Scale-Betriebe, deren Bau Liu im Laufe von zehn Jahren in Shanghai begleitet hatte, zusammen kosteten. In Kanada musste es sich also um etwas Riesiges handeln. Nur: Außer vereinzelten Hinweisschildern mit der Aufschrift „K+S Potash Canada“ war weit und breit wenig zu sehen.

"Dies hier ist ein Teil der Zukunft von K+S, und wir können unser Know-how einbringen“

Dr. Gerd Dahlhoff

Leiter, Bayer Technology Services Canada

Ohne Kalium geht gar nichts

Jede menschliche Zelle ist auf Kalium angewiesen. In der täglichen Nahrung sollten mindestens zwei Gramm von dem Alkalimetall enthalten sein. Auch Pflanzen benötigen Kalium. Mangelt es ihnen an dem Vitalstoff, verfärben sich Blätter, und der Stoffwechsel wird eingeschränkt. Nach Stickstoff und Phosphor gilt Kalium deshalb als drittwichtigster Pflanzennährstoff. Das chemische Element ist aus diesem Grund auch ein elementarer Bestandteil in vielen Düngemitteln. Studien zeigen, dass die Kalidüngung den Ertrag etwa auf Mais-, Weizen- oder Sojafeldern deutlich steigern kann. Der weltweite Kalibedarf lag 2013 bei knapp 60 Millionen Tonnen. Über die Hälfte davon wurde von der Landwirtschaft nachgefragt. Darüber hinaus spielen Kaliumsalze unter anderem bei der industriellen Chlorgewinnung, bei der Herstellung von Bau- und Kunststoffen oder auch in der Pharmaindustrie, etwa bei der Insulinproduktion, eine wichtige Rolle. Zu den größten Produzenten von Kaliprodukten weltweit zählt K+S in Kassel.

Um seine Produktionskapazitäten zu erweitern, erwarb das Unternehmen 2011 die kanadische Firma Potash One. Damit verbunden sind World-Class-Lagerstätten mit Ressourcen von etwa einer Milliarde Tonnen Kali – und auch die entsprechende Umweltverträglichkeitsprüfung für den Abbau der 160 Millionen Tonnen im Legacy-Projekt.

Das änderte sich selbst dann kaum, als Liu das K+S-Grundstück erreichte und die Sicherheitskontrolle passierte. Auch danach säumten Weizenfelder die Schotterpiste. Vereinzelt tauchten jetzt allerdings erste Bohrtürme auf. Nach etwa einer weiteren Viertelstunde Fahrzeit stand er, mitten im Nirgendwo, vor einigen Büro-Containern. Außerdem war eine Wasserleitung mit gewaltigem Durchmesser zu sehen. Hier und da gab es Erdarbeiten. Sonstige Infrastruktur – Fehlanzeige.

„Wow“, dachte Liu, als er seine neue Einsatzstätte sah. „So ein riesiges Grundstück.“ Wie klein waren dagegen die Chemiewerke, die er bisher kannte. Aber das war ja eigentlich auch kein Wunder. Hier sollte schließlich ein unterirdisches Vorkommen von geschätzten 160 Millionen Tonnen Kaliumchlorid erschlossen werden. Eine Menge, die ausreichen würde, jedem Erdenbürger mehr als 20 Kilogramm davon zu geben. Fast zwei Millionen Eisenbahnwaggons werden sich damit einmal füllen lassen. Ein Zug, der um den ganzen Globus reichen würde.

Doch ehe K+S die ersten Waggons beladen kann, ist noch eine Menge zu tun. Nicht nur, weil die Anbindung an die 20 Kilometer entfernte Bahnlinie bisher nur auf Papier existiert. Zunächst muss das Kalisalz überhaupt erst mal an die Oberfläche gelangen – aus immerhin anderthalb Kilometer Tiefe. Eine technische Herausforderung.

Ehe das gigantische Kalivorkommen gefördert werden kann, muss das Gebiet im Niemandsland von Saskatchewan erstmal eine Infrastruktur bekommen. Das beginnt mit dem Anlegen fester Straßen. Erst über sie können dann Material und Maschinen herantransportiert werden.

„Da war absolut nichts“, erinnert sich auch Dr. Gerd Dahlhoff. Der Leiter von Bayer Technology Services Canada hatte das Gelände noch früher kennengelernt als Jiang Liu. Die schnurgeraden Schotterpisten, die den Süden der Provinz Saskatchewan schachbrettartig aufteilen, seien so ziemlich das Einzige gewesen. Aber auch sie mussten erst ertüchtigt werden, damit Schwertransporter darauf fahren und Baumaterial für alles Weitere heranschaffen konnten.

In dieser unebenen, von Seen durchzogenen Prärielandschaft galt es, nicht nur die Infrastruktur für die Erschließung der Kalivorkommen und deren oberirdische Aufbereitung selbst zu schaffen. Sondern auch die für die zeitweise bis zu 2000 Arbeiter, die dies tun würden. Mit Büro- und Wohnräumen. Mit Wasseranschluss, Abwasserentsorgung, Stromund Gasversorgung. Selbst ans Mobilfunknetz musste das Gebiet angeschlossen werden.

Die Stadt Saskatoon
Ein Hauch von Großstadt: die Stadt Saskatoon, in der Bayer Technology Services nun ein eigenes Büro unterhält

In der Welt von K+S firmiert dieses Vorhaben unter dem Namen „Legacy“. Um dieses gigantische Projekt sauber koordiniert abwickeln zu können, suchte K+S für sein „Owners-Team“ noch einen Projektmanagement- und Engineering-Partner. Einen, der sowohl technischen Sachverstand mitbrachte als auch umfangreiche Erfahrung in der Abwicklung von Großprojekten. Dass die Wahl ausgerechnet auf Bayer Technology Services fiel, hat auch mit dem Ehemaligen-Netzwerk der RWTH Aachen zu tun. Zwei dieser Alumni sind Dr. Jürgen Barge, damals in verantwortungsvoller Position bei K+S, und Dr. Wilfried Kopp, Leiter Chemicals in der Division Project Management & Engineering bei Bayer Technology Services. Bei einem Treffen sprechen beide über ihre Karrieren. Barge erwähnt, dass sein Unternehmen 2011 die kanadische Firma Potash One übernommen hat – und nun über mehrere Förderlizenzen für Kalivorkommen verfügt. Und dass man für das Erschließen besonders im Projektmanagement noch Unterstützung suche. Kopp horcht auf und sagt: „Macht das doch mit uns.“

Nach vielen weiteren Gesprächen machte K+S dann auch genau das. Und so kommt es, dass Dahlhoff, Liu und zehn weitere Kollegen von Bayer Technology Services jetzt in Saskatoon leben. Viele davon kennen sich von gemeinsamen Megaprojekten in Shanghai.

Auch Dahlhoff hat dort acht Jahre lang mehrere Großprojekte begleitet, bevor er Mitte 2012 wieder nach Deutschland zurückkehrte. Gar nicht viel später kam die Zusage von K+S. Und plötzlich galt es, in Kanada rasch eine schlagkräftige Mannschaft zu installieren. Dahlhoff organisierte die Gründung und den Aufbau des Kanada-Büros von Bayer Technology Services und übernahm dessen Leitung. Zugleich wurde er innerhalb des K+S-Projekts einer der drei Leiter des Execution-Teams. Dieses kümmert sich nun um Engineering, Einkauf, Vertragsmanagement und auch den eigentlichen Bau der Anlage sowie das Erschließen des Solfelds. Daneben hat Dahlhoff noch eine eher ungewöhnliche Rolle: Als Vice President Controls bei K+S Potash Canada berichtet er auch an den dortigen CEO Dr. Ulrich Lamp: „Wenn man genauer hinschaut, ist dies für das Tagesgeschäft unerlässlich. Ich empfinde dies trotzdem als eine besondere Verantwortung und als einen großen Vertrauensbeweis.“ Und es ist ein Ausdruck für die weitreichende Integration des Bayer-Teams.

„Diese langjährige Erfahrung bei der Abwicklung von Großprojekten ergänzt unsere Expertise optimal“

Dr. Ulrich Lamp

Chief Executive Officer, K+S Potash Canada

Jiang Liu wiederum ist Teil des sogenannten technischen Owner-Teams. Diesem kommt die Schlüsselrolle beim Design und beim Begleiten des späteren Field-Engineerings und der Abwicklung auf der Baustelle zu. Liu ist dabei für den größten Anlagenteil zuständig, den Bereich „Verdampfung, Klärung, Kristallisation“. Dazu gehören riesige Verdampferanlagen, die derzeit unter anderem in China gefertigt werden. In ihnen wird später einmal die geförderte Salzlösung aufgereinigt und das Salz auskristallisiert. Gleichzeitig muss Liu dafür sorgen, dass das „Early Cavern Development“ bis Oktober 2014 fertig wird – und damit die Voraussetzung für das Erschließen des Solfelds und den Start der Hauptanlage.

Gerd Dahlhoff ist vollauf begeistert. „Das Projekt ist ein Teil der Zukunft von K+S, und wir können unser Know-howeinbringen.“ Darüber freut sich auch Ulrich Lamp: „Bayer Technology Services passt allein schon aufgrund der gemeinsamen deutschen Wurzeln gut zu uns. Hinzu kommt die langjährige Erfahrung bei der Abwicklung von Großprojekten, insbesondere im internationalen Umfeld, sowie das wichtige Spezialwissen der chemischen Industrie. Das ergänzt unsere eigene Expertise optimal.“ Auch die Art der Zusammenarbeit und die starke Identifikation von Dahlhoffs Mitarbeitern mit dem Projekt beeindrucken Lamp: „Wer es nicht weiß, kann die Bayer-Kollegen nicht von unseren Mitarbeitern unterscheiden.“

Die Projektteams haben bereits viel erreicht. Und das, obwohl der Winter in Saskatchewan mit bis zu minus 50 Grad Celsius eisig ist und oberirdische Bauarbeiten dann von November bis April mit besonderen Herausforderungen verbunden sind. Dennoch existiert inzwischen ein Container-Camp für die vielen Facharbeiter. Das ist eine Art Hotelstadt mit 1500 Betten, Küchenkomplex, Fitness- und Unterhaltungsräumen. „Das ist jetzt die größte menschliche Ansiedlung zwischen Regina und Saskatoon“, schmunzelt Dahlhoff. „Und die liegen immerhin fast 300 Kilometer auseinander.“ Die Arbeiten an den Stützpfeilern für den Hauptkomplex gehen gut voran, ebenso wie die ersten Bohraktivitäten im Solfeld. Der von Liu mitverantwortete Early-Cavern-Development-Komplex soll bis Ende 2014 fertiggestellt sein. Die Wirkungsstätte wird sich damit für ihn und viele Mitstreiter bald immer mehr vom Büro in Saskatoon Richtung Baustelle verlagern.

Dort gibt es ja auch noch viel zu tun. Bis 2016 sollen 36 Kavernen (siehe Kasten "Lösen und fördern") angelegt sein. Diese werden dann bereits die ersten Tonnen Kali liefern, die K+S per Eisenbahn zum Hafen in Vancouver und von dort für Kunden in aller Welt verschiffen möchte. Direkt ein Jahr nach dem Start plant K+S dann eine Kapazität von zwei Millionen Tonnen. In den folgenden Jahren wird diese kontinuierlich auf rund drei, möglicherweise weiter auf bis zu vier Millionen Jahrestonnen ausgebaut. 

Lösen und fördern

Anders als Erdöl oder Erdgas muss man Kali erst lösen, ehe man es aus 1.500 Meter Tiefe pumpen kann. Im Fall des Legacy-Projekts kommt dafür der sogenannte Solungs-Bergbau zum Einsatz. Dazu werden zwei 80 Meter voneinander entfernte Bohrungen in den Boden getrieben und mit einem Innen- und einem Außenrohr versehen. Über das Außenrohr pumpt man dann heißes Wasser bis in die Natriumchlorid-Schicht, die sich unter dem eigentlichen Kalivorkommen befindet. Die dabei entstehende Sole wird durch das Innenrohr an die Oberfläche gepumpt. Eine eigens injizierte Schicht aus Kohlenwasserstoffen schirmt in dieser Phase die Kalischicht ab und verhindert, dass diese sich vorzeitig löst. Irgendwann sind die unter beiden Bohrlöchern entstandenen Hohlräume so groß, dass sie sich zu einer Kaverne verbinden. Nun wird das Kaliumchlorid gezielt gelöst und als hochkonzentrierte Lösung nach oben gepumpt. Weil es sich dabei um ein Gemisch aus Natrium- und Kaliumchlorid handelt, schließen sich über Tage noch Aufreinigungsschritte an. Per Eisenbahn gelangt das fertige Produkt zum mehr als 2000 Kilometer entfernten Hafen von Vancouver. Zwei Kollegen von Bayer Technology Services bereiten von dort aus bereits die gesamte Logistik-Infrastruktur vor.

Schätzungen zufolge dürfte es weit über 50 Jahre dauern, ehe das gesamte derzeitige Vorkommen erschlossen sein wird. Legacy ist also ein echtes Jahrhundertprojekt.
So lange wird die Anwesenheit von Bayer Technology Services freilich nicht nötig sein. Dahlhoff rechnet damit, dass das Projekt für die meisten Mitarbeiter 2016 oder Anfang 2017 beendet sein wird. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, sieht der Chef von Bayer Technology Services Canada dem Projektverlauf gelassen entgegen: „Budget und Zeitplan für ein solches Riesenprojekt sind sicherlich eine Herausforderung. Aber das K+S-Team hat eine stabile Organisation, viel technische Expertise und einen erfahrenen lokalen Kontraktor. Unsere erste Tonne Kali wird 2016 pünktlich auf die Reise zum Kunden gehen.“

Kommentieren
1 Kommentar
Die mit (*) gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
  1. Hans-Joachim WieseGroßartig , ein wirklich herausragendes Projekt in einem tollen und herausfordernden Land.
    Die Kanadier sagen: Only actions brings satisfaction.
    In diesem Sinne wünsche ich unserem Kunden K+S und natürlich der BTS mit allen Mitarbeitern viel Erfolg, eine gute Zeit - und einen windgeschützten Platz.
24
Ihre Meinung? Jetzt kommentieren