Was entwickeln Sie eigentlich?

Interview mit Dr. Günter Bachlechner, Leiter Technology Development

Ob in der Produktentwicklung oder bei Produktionsprozessen – immer wieder gilt es, neue technische Lösungen zu finden. Dabei hilft Technology Development von Bayer Technology Services. Wie das konkret aussieht, erzählt der Leiter der Division Dr. Günter Bachlechner.

Für Dr. Günter Bachlechner ist klar: ohne innovative Technologien keine erfolgreichen neuen Produkte

solutions: Bayer sieht sich als Erfinder-Unternehmen, und jeder Teilkonzern hat eigene Forschungsabteilungen. Wozu gibts dann überhaupt noch eine Entwicklungsabteilung bei Bayer Technology Services?

Bachlechner: Zur Unterstützung der Teilkonzerne – und zwar in allen übergreifenden Technologiefeldern von der Forschung bis zur Produktion. Wenn Sie so wollen, sind wir eine Ideenschmiede, die sich über die Grenzen der Teilkonzerne hinweg zukunftsorientierten Themen widmet, weil diese vielversprechend für die technologische Weiterentwicklung des Gesamtkonzerns Bayer sind.

Zusammen mit unseren Teilkonzernen HealthCare, CropScience und MaterialScience haben wir fünf strategische Themen definiert: Prozesstechnologie, Biotechnologie, Formulierung, Screening-Technologien sowie Modellierung komplexer Systeme. Das Ziel ist hier überall das gleiche: Ideen in Lösungen verwandeln, die praktisch umgesetzt werden können.

solutions: 2300 Mitarbeiter, die nur fürs Denken bezahlt werden?

Bachlechner: Für das Denken und Umsetzen. Diese Zahl umfasst sämtliche Mitarbeiter von Bayer Technology Services in allen Divisionen – von der Entwicklung technischer Prozesse über das Planen und Bauen von Anlagen bis hin zu Methoden und Instrumenten für das sichere und effiziente Betreiben von Anlagen.

Sie sehen: Mindestens so wichtig wie das Denken ist für uns das Implementieren. Denn letztendlich ist unser Auftrag, aus hervorragenden neuen Ideen industrietaugliche, zuverlässige und effiziente Lösungen zu machen. Und dafür brauchen wir Menschen ebenso wie Technologie.

solutions: Neue Ideen – da denkt man sofort an junge Menschen, die direkt von der Uni kommen...

Bachlechner: Natürlich sind erstklassige Nachwuchskräfte sehr wichtig. Deshalb betreiben wir ein sehr intensives Netzwerk mit den besten Universitäten weltweit. Schließlich sind wir auch das Bayer-Einstiegs- und -Personalentwicklungsportal für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Erst aus diesem Zusammenspiel von besonderen Talenten und erfahrenen Fachleuten entstehen großartige Innovationen. Ich finde, hier wird der Wert von Diversity unmittelbar deutlich.

solutions: Gibt es denn dafür konkrete Beispiele?

Bachlechner: Jede Menge. Mit unserer Expertise auf dem Gebiet der Prozesstechnologie finden wir selbst bei lang bewährten Verfahren immer wieder Optimierungsmöglichkeiten, um mit weniger Rohstoffen und Energie mehr und qualitativ hochwertigere Produkte zu schaffen. Damit unterstützen wir die Teilkonzerne in deren Bestreben, ihre Marktführerschaft auszubauen. Dazu gehört auch, dass wir innovative Verfahren entwickeln, um fossile Rohstoffe durch nachwachsende zu ersetzen.

Außerdem nutzen wir unser mathematisch-naturwissenschaftliches Know-how, das wir aus der Simulation chemischer Reaktionen in komplexen Anlagen gewonnen haben. Wir können heute auch den Stoffwechsel in Zellen und Organismen simulieren. Damit wird es möglich sein, Krankheiten besser zu verstehen und Medikamente schneller zu entwickeln.

Dr. Günter Bachlechner
"Open Innovation ist ein vernünftiger Weg“

solutions: Würden Sie sagen, die Menschen und deren Ideen sind der eigentliche Mehrwert von Bayer Technology Services?

Bachlechner: So ist es. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der frühzeitigen Identifikation und der richtigen Entwicklung dieser Expertise. In meinen Augen ist es in der Tat wenig sinnvoll, Expertise oder scheinbar gewinnträchtige Innovationen ungeprüft zusammenzukaufen. So etwas muss evaluiert und entwickelt werden. Und genau das tun wir.

Gerade in der Life-Science-Forschung braucht es mitunter zehn Jahre, um erfolgreich neue Produkte zu entwickeln und im Markt einzuführen. Dazu braucht man Begeisterung, Entschlossenheit und Geduld ebenso wie Expertise und Disziplin. Wir haben deshalb neben der klassischen Managerlaufbahn, bei der entsprechende Personal- und Budgetverantwortung honoriert wird, auch die Projektmanager- und Expertenlaufbahn eingeführt. Hier widmen sich Talente ihren Fachgebieten mit der ausreichenden Tiefe, um sich zu Spitzenkräften mit weltweiter Reputation zu entwickeln, was dann auch wie eine Managerqualifikation honoriert wird.

solutions: Wie viele Menschen tun das denn bei BTS?

Bachlechner: Mehr als 200 Mitarbeiter haben sich für diese Laufbahn entschieden…

solutions: …auf die sie dann dauerhaft festgelegt sind?

Bachlechner: Nein, nicht unbedingt. Man kann auch zwischen beiden Laufbahnen wechseln. Entscheidend ist doch, dass jeder Mitarbeiter in die Lage versetzt wird, in bestmöglicher Weise seinen ganz persönlichen Beitrag zu unserem Leitbild „Science For A Better Life“ zu leisten. Denn das ist schließlich unser Auftrag – und den nehmen wir sehr ernst: mit engagierten Experten und Technologie einen Mehrwert für Bayer zu schaffen.

solutions: Aber kann man nicht einfach auf dem Markt kaufen, was man braucht?

Bachlechner: Nein, vor allem nicht in den wichtigen, neuen Gebieten, in denen wir gemäß unserem Leitspruch das Leben besser machen wollen: Unsere Lösungen – etwa für Screening oder Bio-Imaging – können Sie auf dem Markt nicht kaufen. Das ist es ja gerade, was Bayer einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Und, ehrlich gesagt, das freut uns sehr.

solutions: Sie kommen von Bayer CropScience, einem der Kunden von Bayer Technology Services. Hat sich durch den Wechsel auf die andere Seite Ihr persönlicher Blickwinkel verändert?

Bachlechner: Verändert nicht, aber sicher verbreitert. Weil BTS für sich in Anspruch nimmt, Projekte immer aus dem Blickwinkel des Kunden zum Erfolg zu führen. Hinzu kommt, dass wir Lösungen auch immer zusammen mit dem Kunden entwickeln. Insofern ist Kooperation ein ganz wesentliches Element unserer Tätigkeit. Deshalb gibt es da gar keine andere Seite: Es kommt schließlich immer darauf an, Bayer in Summe weiterzubringen. Und wenn Sie mich ganz persönlich ansprechen, so kann ich sagen: Ich arbeite jetzt mit meinen Kollegen für alle drei Teilkonzerne von Bayer.

solutions: Gilt diese Einstellung somit nur für Kunden innerhalb des Konzerns?

Bachlechner: Nein – auch wenn wir primär natürlich für Bayer forschen und entwickeln. Aber wir wissen selbstverständlich, dass unser Know-how und unsere Erfahrung auch für andere Unternehmen interessant und wertschaffend sind. Mit externen Kunden arbeiten wir dementsprechend auch sehr gern zusammen – wenn deren Anforderungen unserem Leistungsportfolio und der Strategie des Bayer-Konzerns entsprechen. Das war etwa bei der Herstellung von Reifenkautschuk der Fall. 80 Jahre lang war das ein sehr energieaufwendiger Prozess. Wir haben zusammen mit unserem Kunden Lanxess eine Technologie aus der Polymerindustrie derart integriert, dass Butylkautschuk mit weniger Ressourcen hergestellt werden kann, als das mit herkömmlichen Verfahren möglich wäre. So haben wir die Energieeffizienz und die Umweltfreundlichkeit gleichermaßen gesteigert.

„Open Innovation ist in vielen Bereichen ein effizienter und sinnvoller Weg, um der Komplexität der Aufgaben gerecht zu werden“

Der Karriereweg

Seit Juni 2011 leitet Günter Bachlechner die Division Technology Development. Der promovierte Chemiker wurde 1956 in Villach (Österreich) geboren. 1987 begann seine Laufbahn bei Bayer Crop Protection, Environmental Research, in Monheim. Sieben Jahre später wurde er Projektmanager im Portfolio-Management. Im Jahr 2000 übernahm er in Tokio die Leitung der Development Division von Nihon Bayer Agrochem. Danach war er bei Bayer CropScience, Industrial Operations, tätig, bevor er wieder in die Forschung wechselte. Von 2004 bis 2011 verantwortete er dort den Bereich Research Product Technology. Die Division Technology Development hat insgesamt rund 400 Mitarbeiter, die sich auf mehrere Standorte weltweit verteilen.

solutions: Reichen denn die Ressourcen von Technology Development überhaupt aus, um den von Ihnen formulierten Ansprüchen gerecht zu werden?

Bachlechner (lachend): Der Forschungsleiter, der seine Ressourcen für ausreichend hält, muss wohl erst noch geboren werden. Aber im Ernst: In der Forschung bestimmt vor allem Qualität den Erfolg. Und erfreulicherweise verfügen wir über eine exzellente Mannschaft...

solutions: ...die sich wie zusammensetzt?

Bachlechner: Wir sind ein Team aus Laboranten, Technikern, Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Informatikern und Pharmazeuten. Diese Fachleute stammen übrigens aus 22 Nationen. Und alle zusammen gestalten sie einen wichtigen Teil der Innovation bei Bayer.

solutionsDas hört sich so an, als hätten Sie alle notwendigen Experten im eigenen Haus.

Bachlechner: Zweifellos haben wir eine tolle Mannschaft, auf die ich sehr stolz bin. Aber um alle Aspekte jeder möglichen Innovation abzudecken, nein, da müssten wir uns schon sehr breite Expertise aneignen - und das auf Gebieten, die außerhalb unserer Kernkompetenz liegen. Da arbeiten wir lieber vertrauensvoll mit den besten Partnern weltweit zusammen. Und das sind diejenigen, die genau die Expertise einbringen, die wir benötigen.

solutionsAlso Open Innovation?

Bachlechner: So ist es. Und um es klar zu sagen: Das ist in vielen Bereichen ein effizienter und sinnvoller Weg, um der Komplexität der Aufgaben gerecht zu werden.

solutionsWie sind denn Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet?

Bachlechner: Hervorragend. Und ich will nicht verhehlen, dass es uns auch stolz macht, wenn unsere Expertise wiederum so sehr geschätzt wird, dass international angesehene Partner gerne mit uns zusammenarbeiten.

solutionsWo etwa?

Bachlechner: Erst vor kurzem haben wir mit der RWTH Aachen das Joint Research Center for Computational Biomedicine gegründet. Dort geht es um die Aufklärung der Verläufe von Krankheiten und deren Bekämpfung durch neue Wirkstoffe mit Computermodellen. Dieses neue Forschungszentrum wird sich zu einem führenden, europäischen Institut für Systembiologie entwickeln. Oder nehmen Sie unser Forschungszentrum INVITE. Zusammen mit der Technischen Universität Dortmund arbeiten wir an der Fabrik der Zukunft und erproben die Produktion von Feinchemikalien im Technikums-Maßstab. Auch hier sind wir wieder Vorreiter - und zwar nicht nur im technologischen Sinne, sondern auch im Hinblick auf die Art der Zusammenarbeit.

solutionsWas meinen Sie damit?

Bachlechner: Hätten Sie vor zehn Jahren gedacht, dass sich europäische Wettbewerber an einen Tisch setzen, um an neuen Produktionsstandards zu arbeiten? Oder dass Energie- und Chemiewirtschaft gemeinsam an der nachhaltigen Nutzung von CO2 arbeiten würden? Heute arbeiten wir unter einem Dach in Leverkusen daran.

solutionsLiegen da auch schon handfeste Ergebnisse vor?

Bachlechner: Aber ja. Und zwar sehr gute. Zusammen mit internationalen Partnern haben wir Wege für besonders ressourcenschonende Produktion entwickelt. Und das Schöne ist: Die enormen Vorteile konnten wir bereits mit Hilfe von standardisierten und modularisierten Produktionsanlagen unter Beweis stellen.

„Bayer ist meines Wissens das einzige globale Unternehmen, das für alle drei biologischen Systeme forscht: für Mensch, Tier und Pflanze“

solutionsFällt das auch unter "Science For A Better Life"?

Bachlechner: Aber sicher. Ressourcen zu schonen und damit für Nachhaltigkeit zu sorgen ist ein vorrangiges Unternehmensziel von Bayer. Schließlich müssen wir heute mehr denn je in Kreisläufen denken.

Dr. Günter Bachlechner
Technologieinnovationen verbessern die Welt

solutions: Nämlich wo?

Bachlechner: Wie ich schon sagte: etwa bei der Nutzung von klimaschädlichem Kohlendioxid geht, sondern dass es auch ökonomisch sinnvoll ist. Da macht es uns natürlich auch ein wenig stolz, wenn Klaus Töpfer, der Gründungsdirektor des Institute of Advanced Sustainability Studies und langjähriger UNEP-Exekutivdirektor, bei der Einweihung unserer Pilotanlage die Schließung des Kohlenstoffkreislaufs als eine der letzten, großen Problemlösungen der Menschheit bezeichnete.

solutions: Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Bachlechner: Ich sags lieber anders: ein Schritt in die richtige Richtung. Und zwar einer von vielen, die noch folgen müssen.

solutions: In den Augen der Bevölkerung gilt allerdings die chemische Industrie nicht unbedingt als Vorreiter der Ökologie.

Bachlechner: Das wird leider so gesehen. Umso wichtiger ist es, dass wir immer wieder als Rohstoff für die Herstellung chemischer Produkte. Und wir wollen ja nicht nur zeigen, dass es deutlich machen, wie sehr unsere Arbeit den Menschen nützt und in welchem Maße wir wirklich zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

solutions: Diese Verbesserung der Lebensqualität bezieht sich ja auf die unterschiedlichsten Bereiche. Von der Wirkstoff-Entwicklung für Medikamente bis zur Nutzung von CO2 als Rohstoff bei der Kunststoffherstellung. Warum eigentlich befassen Sie sich mit so vielen unterschiedlichen Fragen?

Bachlechner: So unterschiedlich sind die gar nicht. Denn wenn Sie diese Bereiche genauer betrachten, werden Sie feststellen, dass ihnen allen immer eine gemeinsame Basis zugrunde liegt. Bayer ist meines Wissens das einzige globale Unternehmen, das in dieser Breite für alle drei biologischen Systeme forscht: für Mensch, Tier und Pflanze. Denn alle drei weisen eine  Gemeinsamkeit auf: den biochemischen Stoffwechsel in Zellen. Wenn man diese Zusammenhänge richtig versteht, kann man mit Bakterien auch komplizierte Moleküle herstellen, Wirkstoffe und Biologika entwickeln oder, kurz gesagt, Menschen, Tiere und Pflanzen heilen oder schützen.

Wie ich schon sagte: Science For A Better Life.

2 Kommentare
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  1. NicklasGutes Interview!
  2. MikeKann mich meinem Vorredner nur anschließen! - Gutes Interview
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