Die Besten und die Schnellsten

Interview mit Dr. Thomas Steckenreiter, Leiter der Division Operation Support & Safety

Den Markt so schnell wie möglich zu beliefern – zweifellos ist das einer der Schlüsselfaktorenzukünftigen Erfolgs. Um ihn zu gewährleisten, setzt Bayer in starkem Maße auf Industrie 4.0:intelligente Produktionssysteme, deren Vernetzung es erlaubt, dass sie miteinander kommunizieren.Dr. Thomas Steckenreiter ist bei Bayer einer der Treiber auf diesem Gebiet

Mehr Effizienz durch mehr Vernetzung: Dr. Thomas Steckenreiter macht sich für Industrie 4.0 stark

solutions: Herr Steckenreiter, Sie gelten bei Bayer als „Mister Industrie 4.0“. Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Schlagwort?

Steckenreiter (lachend): Danke für die Blumen. Aber das muss ich gleich einmal richtigstellen: Ich bin einer derjenigen, die sich für Industrie 4.0 starkmachen und entsprechende Innovationen vorantreiben möchten. Grob umrissen ist damit der Einsatz intelligenter Produktionssysteme gemeint, die es mit ihrer Vernetzung erlauben, die Produktion noch effizienter zu machen.

solutions: Ist das in der chemischen Industrie überhaupt machbar?

Steckenreiter: Aber unbedingt. Nehmen Sie doch mal allein die Sensorik. Bei Bayer wird weltweit mit rund 250000 Feldgeräten gemessen. Zum Beispiel Temperatur, Druck, Füllstand, Durchfluss. Wenn wir da mittels Algorithmen, Modellen und Prozesswissen mehr Intelligenz einbauen, lassen sich weit mehr Informationen berechnen, als mit herkömmlichen Geräten erfasst werden können. Und wir erhalten nicht nur mehr Informationen über Prozesse und noch mehr Stoffeigenschaften, diese sogenannten smarten Sensoren verschaffen uns auch zu jedem Zeitpunkt an jedem gewünschten Ort den kompletten Überblick: über den Stand der Produktion, über Vorräte und Qualität.

solutions: Ist das bereits intelligent zu nennen?

Steckenreiter: Die Messung allein sicher nicht. Aber Industrie 4.0 heißt, dass die Systeme miteinander kommunizieren. Dass sie mitdenken. Dass sie Dinge rechtzeitig in die Wege leiten. Zum Beispiel den Prozess autonom planen und optimal regeln, damit es weniger Stillstände gibt, oder im Batchbetrieb die Produktionsplanung besser unterstützen oder Vorschläge zur optimierten Fahrweise unterbreiten. Und genau das wollen wir.

solutions: Inwiefern ist dann aber Qualität ein Aspekt von Industrie 4.0?

Steckenreiter: Ein gutes Beispiel dafür ist etwa die Herstellung von Pharmazeutika. Ein Gebiet, in dem es in ganz besonderem Maße auf Qualität ankommt, weil es unmittelbar um die Gesundheit von Menschen geht. Hier ist das Ziel die kontinuierliche Qualitätskontrolle direkt im Prozess. Zu jedem Zeitpunkt exakt zu wissen, wie eine Tablette zusammengesetzt ist, das nenne ich erstrebenswert. Und das ist erreichbar.

solutions: Sie sprechen von einer Tablette und nicht von Tonnen. Hat sich durch die Neuausrichtung von Bayer und die Konzentration auf Life Sciences der Blickwinkel auf die Produktion verschoben?

Steckenreiter: Unsere Ansprüche in Bezug auf Qualität und Sicherheit sind immer schon sehr hoch gewesen. Da hat sich nichts geändert. Aber Sie haben recht: Während wir uns früher in starkem Maße auch mit Massenchemikalien beschäftigten, von denen wir 100000 Tonnen im Jahr produzierten, werden die Mengen jetzt wesentlich kleiner. Das gilt für Medikamente genauso wie für Pflanzenschutzprodukte. 

Dr. Thomas Steckenreiter, Leiter der Division Operation Support & Safety
„Wir müssen heute global optimieren.“

solutions: Aber sind denn allein die Mengen ausschlaggebend für den Fokus auf Industrie 4.0?

Steckenreiter: Nein, das ist nur ein Aspekt. Die Globalisierung der Märkte, ihre Vernetzung und die individuellen Kundenwünsche zwingen uns mehr denn je dazu, den Markt so schnell wie möglich zu beliefern. Das Stichwort ist Time to Market. Es reicht heute nicht mehr aus, nur Bester zu sein, wir müssen Schnellster und Bester sein. Und dazu brauchen wir eine entsprechende Produktionslandschaft.

solutions: Wo sind Sie denn bereits Bester?

Steckenreiter: Auf dem Gebiet der Neuentwicklung von Molekülen kann Bayer diesen Titel mit Fug und Recht für sich beanspruchen. Was hier geleistet wurde, ist schon einzigartig. Und das, davon bin ich überzeugt, wird sich auch in Zukunft entsprechend niederschlagen.

solutions: Das scheint ja wohl auch zu bedeuten, dass Bayer diesen Platz auf dem Gebiet der Produktion nicht innehat.

Steckenreiter: Das habe ich nicht gesagt. Man muss hier differenzierter hinschauen, denn die Rahmenbedingungen in der Industrie unterscheiden sich schon erheblich. Wenn wir etwa die Automobilindustrie betrachten…

solutions: …die hat ja das Thema Automatisierung schon viel eher vorangetrieben.

Steckenreiter: Richtig. Aber die haben nicht nur die Bedeutung sehr frühzeitig erkannt, die haben auch andere Produktionsbedingungen. In einem modernen Automobilwerk können durchaus neun verschiedene Typen mit X Ausstattungsvarianten auf einer Fertigungsstraße hergestellt werden. Und es kann durchaus sein, dass in einem Produktionswerk innerhalb eines Jahres kein einziges Auto zweimal hergestellt wird. Dazu bedarf es schon einer ungeheuer ausgefeilten Planung und Logistik. Zweifellos wäre das ohne intelligente Systeme und eine vollständige Vernetzung der horizontalen und vertikalen Systeme, das heißt von der Messebene untereinander und von der Ebene der Maschinenkontrolle bis zum SAP-System, gar nicht zu machen.

„Wir können von anderen Industrien sehr gut lernen. Einiges lässt sich ganz sicher abstrahieren und für unser Unternehmen nutzen“

solutions: Aber Sie haben doch inzwischen, wie Sie sagten, ebenfalls viel kleinere Mengen als früher im Auge. Wo ist da der Unterschied zur Automobilindustrie?

Steckenreiter: Der zeigt sich schon allein in der Tatsache, dass wir es mit fließenden Medien zu tun haben. Die sind naturgemäß viel schwieriger zu handhaben als einzelne Bauteile. Hinzu kommt, dass Bayer weltweit über mehr als 200 Produktionsstandorte verfügt, die über 5000 Produkte herstellen. Schon allein dort überall die gleichen Standards einzuführen ist eine gewaltige Aufgabe. Aber ich will gar nicht verhehlen, dass wir von anderen Industrien lernen können. Und da denke ich gar nicht mal nur an die Automobilindustrie.

Der Prozesskenner

Thomas Steckenreiter wurde 1965 in Offenbach/Main geboren. Er studierte Chemie an der Technischen Universität Darmstadt. Nach seiner Dissertation 1997 arbeitete er als Produktmanager bei Mettler-Toledo. 2001 wechselte er zu Endress+Hauser, wo er zuletzt die Funktion des Direktors Marketing innehatte. Im Juli 2013 übernahm Dr. Thomas Steckenreiter als Mitglied des Management Committee von Bayer Technology Services die Leitung der Division Operation Support & Safety. Seither gehört er auch zum Vorstand der Interessengemeinschaft Automatisierungstechnik der Prozessindustrie (Namur). Bei seinen unterschiedlichen Aufgaben stand stets die ganzheitliche Betrachtung von Prozessen im Fokus, um die Produktqualität sowie die Prozesssicherheit und -effizienz zu steigern.

solutions: Sondern?

Steckenreiter: In der Elektrotechnik-Industrie ist man auf diesem Gebiet weiter, ebenso in der Lebensmittelindustrie. Das schauen wir uns natürlich sehr genau an. Einiges lässt sich ganz sicher abstrahieren und nutzen.

solutions: Was heißt das denn für Bayer konkret?

Steckenreiter: Im Zuge der Neuorganisation von Bayer werden wir in einem ersten Schritt besonderen Fokus auf die Entwicklung weltweit gültiger technischer Standards legen und eine Reduzierung der Zahl von zertifizierten Lieferanten anstreben. Dies würde dann für sämtliche Produktionsbetriebe verbindlich sein.

solutions: Warum ist das denn bisher noch nicht geschehen?

Steckenreiter: In gewissem Umfang ist das bereits der Fall, aber weltweit gab es dazu nicht unbedingt die Notwendigkeit. Da wurde dann auch schon mal individuell auf den jeweiligen Bedarf der einzelnen Site eingegangen.

solutions: War das eventuell ein Fehler?

Steckenreiter: Es war ein verständliches Vorgehen und hat geholfen, lokal zu optimieren. Dass man nach einigen Jahren erkennt, dass man einige Dinge hätte anders beziehungsweise besser machen können, das gehört zur Natur der Sache. Heutzutage muss man global optimieren.

solutions: Und wie werden sich die Veränderungen auswirken?

Steckenreiter: Oberflächlich betrachtet erst einmal gar nicht. Die Chemie bleibt. Die Maschinen bleiben. Aber wenn man genauer hinschaut, wird man erkennen: Die gesamte Produktion wird effizienter. Das hat enorme Auswirkungen auch auf die Lagerhaltung unserer Produkte. Als global operierendes Unternehmen können wir damit viel schneller Kunden und Patienten weltweit beliefern.

„Wer Innovationen liefern will, muss schnell sein. Letztlich geht es immer um die bestmögliche Belieferung des Kunden“

solutions: Das hört sich so an, als würde derzeit stets wahnsinnig viel Zeit vergehen, bis Bayer-Produkte beim Endkunden sind.

Steckenreiter: Dann muss ich diesem Eindruck heftig widersprechen. Denn selbstverständlich gibt es viele sehr positive Beispiele. Ich denke da etwa an einige Pflanzenschutzmittel, die wir am Standort Frankfurt herstellen, und ich kann sagen: Die stehen bereits wenige Tage nach der Bestellung in den Regalen der Kunden. So soll es sein. So ist es aber noch nicht überall. Und genau daran arbeiten wir. 

solutions: Diese Ziele hören sich ja sehr machbar, um nicht zu sagen, bodenständig an. Doch wenn allgemein von Industrie 4.0 die Rede ist, werden ja immer gleich Szenarien von virtuellen Fabriken und entsprechenden Steuerungen entwickelt.

Steckenreiter: Keine Angst, wir streben jetzt keine Augmented Reality an. Und so bald wird hier wohl auch niemand mit Datenhandschuhen rumlaufen – (lachend) zumindest nicht auf dem Betriebsgelände. Wir haben erst einmal ganz andere Herausforderungen zu bewältigen.

solutions: Welche?

Steckenreiter: Hinsichtlich unseres Wachstums gilt derzeit die Devise, dass wir organisch wachsen wollen. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall. Merck, Schering, Roche – bei diesen Stichworten denkt jeder sofort an erfolgreiche Zukäufe. Ich denke da insbesondere an unterschiedliche Produktionssysteme. Da gilt es, noch einiges anzugleichen, einzubinden und zu aktualisieren. Wenn wir hier schon weiter wären und die entsprechenden Grundlagen geschaffen hätten, könnten wir etwa wie bei der IT stets das neueste Software-Update für Maschinen und Leitsysteme aufspielen, und morgen wäre bereits alles auf dem neuesten Stand.

Dr. Thomas Steckenreiter, Leiter der Division Operation Support & Safety
„Intelligente Systeme sind heute ein Muss.“

solutions: Und wie läuft’s heute?

Steckenreiter: Heute dauert das alles eben noch ein bisschen länger.

solutions: Auf Geschwindigkeit scheint Ihr Hauptaugenmerk zu liegen.

Steckenreiter: Weil Geschäftserfolg zunehmend von Geschwindigkeit abhängt.

solutions: Weil Sie befürchten müssen, dass Ihnen andere zuvorkommen?

Steckenreiter: Sicher. Das ist ein wichtiger Punkt. Aber nicht der einzige. Nehmen Sie etwa Pflanzenschutzmittel. Im Jahr gibt es für den Landwirt nur ein optimales Zeitfenster, in dem er die empfohlenen Mittel aufs Feld bringen kann. Da gibt es sehr detaillierte Spritzpläne, und wenn unsere Wirkstoffe nicht zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind, dann ist die Saison für uns gelaufen.

solutions: Hat sich denn das Tempo beim Wettlauf zum Kunden in den letzten Jahren tatsächlich so stark verschärft?

Steckenreiter: Unbedingt. Genauso wie die Wertschöpfungskette, die wir ausbauen wollen. So beschränken wir uns im Pflanzenschutz ja schon seit langem nicht mehr allein auf die Herstellung hervorragender Produkte. Wir bieten dem Landwirt vielmehr ganze Servicepakete. Wir betreuen ihn praktisch in allen Fragen rund um seinen Beruf und dessen Herausforderungen. Das geht in Zukunft bis zum Digital Farming und zu detaillierter Information per App. Das alles hat eine Menge mit Innovation zu tun. Und wer Innovationen liefern will, muss schnell sein. Letztlich geht es also immer nur um die bestmögliche Belieferung des Kunden.

solutions: Und dafür brauchen Sie Standardisierung? Heißt denn Standardisierung nicht immer auch Lösung von der Stange?

Steckenreiter: Das darf man nicht verwechseln: Es geht nicht um die Standardisierung der Produkte. Es geht um die Standardisierung der Produktion und deren Schnittstellen. Denken Sie doch mal nur an Ihren letzten Urlaub. Haben Sie sich nicht geärgert, dass Sie für Ihren gewohnten Netzstecker plötzlich einen Adapter brauchten, nur weil sie von zu Hause weg sind? Standardisierung würde hier schon viel helfen. Und in einem Industriebetrieb sind die Anforderungen natürlich um ein Vielfaches komplexer. Wenn es etwa darauf ankommt, dass sich Maschinen miteinander verstehen. Dass für dieselbe Aufgabe nicht unterschiedliche Wartungsprozesse nötig werden, nur weil die Pumpen jeweils von anderen Herstellern stammen. Und glauben Sie mir, das sind noch die kleineren Aufgaben.

solutions: Hat denn Bayer genügend Marktmacht, um von den Lieferanten standardisierte Lösungen verlangen zu können?

Steckenreiter: Wir wollen die ja nicht gegen den Willen der Lieferanten durchsetzen, sondern wir wollen zusammen mit ihnen Standards entwickeln, die für die gesamte Industrie von Vorteil sind.

solutions: Und was sagen Sie den Menschen, die glauben, Industrie 4.0 sei wieder nur ein neuer Begriff für weitere Rationalisierung?

Steckenreiter: Ich habe Verständnis für diese Sorgen, bin aber der festen Überzeugung, dass es nicht darum geht, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Es geht vielmehr um eine neue Dimension des Zusammenspiels. Ändern soll sich die Konfiguration der Arbeitsabläufe. Denn auch intelligente Systeme müssen implementiert, gewartet und kontrolliert werden. Und das machen Menschen.

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